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Das Leben und Wirken von Mahatma Gandhi

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Porbandar ist ein kleiner Ort an der Westküste Indiens auf der Halbinsel Kathiawad. Zur Zeit Gandhis war Porbandar ein kleiner Zwergstaat mit kaum über 72.000 Einwohnern, die hauptsächlich vom Handel lebten.

 

Hier wurde Mohandas Karamchand Gandhi am 2. Oktober 1869 in die Händlerkaste der Modh Bania geboren. Die Gandhis huldigten Vishnu, der besonders den erhaltenden und liebenden Aspekt Gottes verkörpert.

 

Die Familie der Gandhis spielte eine wichtige Rolle im politischen Leben des Kleinstaates. Wie schon der Großvater, so war auch der Vater Karamchand Diwan, eine Art Premierminister des Staates. Großvater und Vater waren Männer mit festen Grundsätzen, großer Liebe zur Wahrheit, aber auch von hitzigem Temperament und Sinnlichkeit.

 

Seine Mutter Putlibai beschrieb Mohandas als eine Heilige von tiefer Religiosität. Sie war eine starke Persönlichkeit mit viel Selbstdisziplin. Ihre strengen Gelübde beeindruckten den späteren Mahatma ebenso wie ihr regelmäßiges Fasten.

 

An seine Schulzeit konnte er sich in seiner Autobiographie kaum noch erinnern. Seine Lernschwierigkeiten führte er auf einen trägen Intellekt und sein schlechtes Gedächtnis zurück.

 

Schon früh fanden aber einige Schriften und Geschichten das besondere Interesse Mohans. Dazu gehörte vor allem das Ramayana von Tulsidas. Seine Amme brachte ihm das Rezitieren des Gottesnamen "Rama" bei. Dadurch verlor der junge Gandhi seine große Angst vor Geistern und fand einen ersten Zugang zu Gott.

 

Es faszinierten ihn auch die Geschichten, die von Puppenspielern und Schauspielern in der Stadt vorgetragen wurden. Shravana symbolisierte für ihn die Ergebenheit des Sohnes gegenüber den Eltern. Harishchandra stellte das Ideal des Wahrheitssuchers dar.

 

Man verbot Mohan, einen Straßenfeger zu berühren, der regelmäßig zu ihrem Haus kam. Mohan behauptete, daß die Unberührbarkeit nicht durch die Religion legitimiert sei. Deswegen könne das Berühren eines Straßenfegers keine Sünde sein.

 

Mit 13 Jahren heiratete Mohan die gleichaltrige Kasturbai aus einer angesehenen Familie in Porbandar. Mit dieser Kinderehe begann für Gandhi ein peinliches Kapitel seiner Biographie. Später kämpfte er auch gegen die seiner Meinung nach absurde und unheilvolle Einrichtung der Kinderheirat.

 

Nach seiner Schulausbildung ging Gandhi 1888 zum Studium nach England. Nach dem Tod des Vaters ließ ihn die Mutter erst gehen, nachdem er geschworen hatte, Wein, Frauen und Fleisch nicht anzurühren. Trotz dieses Eides wurde Gandhi für seine Reise nach Übersee aus der Kaste ausgeschlossen.

 

In London fand er sich nur schwer zurecht. Gandhi spielte den englischen Gentleman, kaufte sich die London besten Kleider und nahm Unterricht in Französisch, Tanzen und Geigenspiel.

 

Am 6. November 1888 wurde Gandhi am Inner Temple zur Ausbildung als Rechtsanwalt zugelassen. Der Möchtegern-Gentleman korrigierte nach einigen Mißerfolgen seine Experimente und änderte schrittweise sein Leben.

 

Gandhi schrieb seinem Bruder, daß er sich über seine Zulassung als Rechtsanwalt freue und sich an seinen Eid halten konnte.

 

Gandhi führte über jede kleinste Aufwendung genau Buch und richtete sein Leben nach einem minutiösen Plan ein. Er investierte viel Geld in Bücher und las sie mit großem Eifer. Zum Studium des Römischen Rechts lernte er sogar Latein.

 

Um sein Leben zu vereinfachen, mietete er ein Zimmer und kochte seine Mahlzeiten selbst. Die Veränderungen in der Lebensführung befriedigten Gandhi zutiefst.

 

Er wurde Mitglied der vegetarischen Gesellschaft Londons, lernte viele interessante Menschen kennen, begann mit seinen eigenen Diät-Experimenten ...

 

... und schrieb Artikel über die Gebräuche und Ernährungsweisen der Hindus für die Zeitschrift der Gesellschaft. Alkohol bezeichnete er als einen Feind der Menschheit und einen Fluch der Zivilisation.

 

Im Jahr 1889 las Mohandas zum erstenmal die Bhagavadgita, zu deutsch "Der Gesang des Erhabenen" in englischer Übersetzung und im Original. Vor allem die Verse im zweiten Kapitel über den Verzicht und die Entsagung als höchste Form der Religion hinterließen einen bleibenden tiefen Eindruck auf ihn. Von da an betrachtete Gandhi die Gita als das "Buch par excellence für die Erkenntnis der Wahrheit".

 

Auf den Rat eines Freundes las er auch die Bibel. Insbesondere die Bergpredigt sprach ihm aus dem Herzen. Er versuchte, die Lehren der Gita, des Buddha und der Berg predigt zu verbinden und vertiefte sein vergleichendes Studium der Weltreligionen.

 

Gandhi bestand seine Prüfungen und wurde am 10. Juni 1891 als Rechtsanwalt zugelassen. Am folgenden Tag reiste er nach Hause ab. Bei seiner Ankunft erfuhr er, daß seine innig geliebte Mutter inzwischen gestorben war.

 

Im April 1893 machte sich Gandhi auf den Weg nach Südafrika, um eine indische Firma in einem Rechtsstreit vor Gericht zu vertreten.

 

Die rassistische Diskriminierung dort schockierte ihn und machte ihn tief betroffen.

 

Als farbiger "Kuli" mußte er in der Apartheid-Gesellschaft alle möglichen Beleidigungen und auch immer wieder Prügel einstecken. Er verzichtete jedoch auf Vergeltung oder die gerichtliche Verfolgung der weißen Übeltäter.

 

Während seines Aufenthaltes in Südafrika wuchs sein Interesse an spirituellen Dingen. Er studierte verschiedene Religionen und praktizierte Selbstbeherrschung. Tolstois Buch "Das Königreich Gottes ist in Euch" überwältigte ihn.

 

Nach einem Jahr Aufenthalt wollte er nach Indien zurück kehren. Bei der Abschiedsfeier erfuhr er von der Absicht der südafrikanischen Regierung, den Indern ihr Wahlrecht zur gesetzgebenden Versammlung zu nehmen. Dieses Gesetzesvorhaben hielt Gandhi für den ersten Nagel im Sarg der indischen Gemeinde in Südafrika. Sofort wurde er von seinen Landsleuten gebeten, noch einen Monat zu bleiben und sie im Kampf um ihre Rechte zu führen. Der Kampf für die nationale Selbstachtung und gegen die Rassendiskriminierung begann.

 

Gandhi trat in die Öffentlichkeit und verfaßte die erste Petition, die jemals von Indern an ein Süd-Afrikanisches Parlament gerichtet wurde. Sie forderte die Beibehaltung des Wahlrechts für Inder. Die gemeinsame Agitation schweißte die indische Gemeinde zusammen.

 

Zusammen mit seinen Mitstreitern gründete Gandhi den "Natal Indian Congress", um gegen immer mehr ungerechte Gesetze zu Lasten der Inder vorzugehen und bessere Beziehungen zwischen ihnen und den Europäern zu schaffen.

 

Jahre vergingen mit Organisation und Öffentlichkeitsarbeit. Gandhi verfaßte seine ersten politischen Schriften über die Situation der Inder in Südafrika.

 

Über die politische Arbeit hinaus vernachlässigte er jedoch nicht seine geistige Entwicklung. Er las in dieser Zeit über 80 Bücher, die ihm die Botschaft der universellen Liebe nahebrachten, darunter viele Werke Tolstois. Er las die "Gathas des Zarathustra", zahlreiche Hindu-Schriften und Bücher über das Leben Mohammeds.

 

Nach drei Jahren Aufenthalt fuhr Gandhi nach Indien und holte seine Familie nach.

 

Als 1899 der Burenkrieg zwischen den holländischen Siedlern und den Briten ausbrach, veranlaßte Gandhi seine Loyalität gegenüber dem Empire, sich auf der Seite der Briten zu engagieren - dies, obwohl er persönlich mit den Buren sympathisierte. Solange er jedoch in seinem politischen Kampf die Rechte eines britischen Staatsbürgers in Anspruch nahm, solange meinte er auch die Pflicht zur Verteidigung des Empires zu haben.

 

So organisierte er ein indisches Sanitätskorps. Für seine Verdienste an der Front wurde ihm die Kriegsmedaille verliehen.

 

Gandhis Wunsch, sein Leben in den Dienst an seinen Mitmenschen zu stellen, wurde zunehmend stärker und veränderte weiter seinen Lebensstil.

 

Die Bhagavadgita wurde für ihn zu einem unfehlbaren Wörterbuch des Verhaltens und zur Lösung seiner Probleme. Er lernte sie auswendig. Die Lehren der Besitzlosigkeit, des Nicht-Anhaftens und des Gleichmuts ergriffen ihn. Zeit seines weiteren Lebens versuchte er, diese Yoga-Lehren in seinem Alltag umzusetzen.

 

Er verzichtete auf jeglichen weltlichen Besitz und stellte alle seine Einkünfte der Gemeinschaft zur Verfügung.

 

Um auch seinen Körper zu reinigen, las er Abhandlungen über Naturheilkunde. Er lehnte Medikamente ab, fastete und experimentierte mit verschiedenen Diäten. Er hatte großes Vertrauen in Erd- und Wasserkuren und verschrieb seinen Mitarbeitern häufig Schlammpackungen.

 

Er schrieb das Büchlein "Guide to Health", verstand aber nie, warum. dieser Gesundheitsführer in Ost und West das meistgelesene Buch Gandhis wurde.

 

Die verstärkte Öffentlichkeitsarbeit machte eine eigene Zeitung als Sprachrohr der Inder in Südafrika notwendig. Ab Juni 1903 erschien die Wochenzeitung "Indian Opinion" in vier Sprachen. Die gesammelten Artikel, Bücher, Notizen und Briefe Gandhis füllen heute 90 dicke Bände.

 

Während einer Bahnfahrt las Gandhi Ruskins Buch "Unto This Last", das ihn fesselte. Sofort beschloß er, sein Leben nach den Idealen dieses Buches auszurichten. Er veröffentlichte eine eigene Zusammenfassung des Buches unter dem Titel "Sarvodaya - Wohlfahrt für alle".

 

Als zentrale Lehren dieses Buches hob Gandhi hervor,

 

- daß das Wohl des Einzelnen im Wohler aller enthalten sei;

 

- daß jede Arbeit gleich wertvoll und

 

- daß in erster Linie ein Leben der Handarbeit lebenswert sei.

 

Umgehend setzte er diese Ideen in die Praxis um und gründete die Phoenix-Farm, eine Landkommune mit strengen Regeln und einer spartanischen Lebensführung. Die Gemeinschaft war weitgehend autark und reduzierte ihre materiellen Bedürfnisse auf ein Minimum.

 

"Indian Opinion" wurde auf der Farm gedruckt. An der Herstellung beteiligten sich alle Siedler. Maschinen wurden nur dann eingesetzt, wenn die Arbeit nicht von Hand verrichtet werden konnte.

 

Während des sogenannten "Aufstandes" der Zulu 1906 bot Gandhi den Briten abermals seine Dienste an. Wieder befand er sich in einem Zwiespalt zwischen seiner Loyalität gegenüber dem Empire und seiner Anteilnahme an der Sache der unterdrückten Zulus. Zu seiner Erleichterung half Feldwebel Gandhi mit seinen Sanitätern ausschließlich den verwundeten Zulus.

 

Die Teilnahme am blutigen Terror der Briten veranlaßte ihn zu tiefem Nachdenken und zu weiteren Änderungen seines Lebensstils. Damals entscheid sich Gandhi, in Zukunft Brahmacharya zu üben. Er erkannte, daß Enthaltsamkeit und die Kontrolle der Sinne ein leben des Dienstes für die Menschheit wesentlich erleichterten. Ein normales Familienleben würde zu viele Energien für die Interessen nur weniger Menschen binden.

 

Als er aus dem Krieg zurückkam, wurde er mit einem Gesetz der Regierung von Transvaal konfrontiert, nach dem sich alle indischen Männer, Frauen und Kinder über acht Jahre mit ihren Fingerabdrücken registrieren lassen mußten.

 

Die indische Gemeinde war über diese Diskriminierung sehr aufgebracht. Auf einer Massenversammlung am 11. September 1906 schwor Gandhi, daß er lieber sterben als sich diesem Gesetz beugen wolle. Während des Kampfes gegen dieses Gesetz wurde 1907 das Wort geprägt, das zum Inbegriff für Gandhis Leben werden sollte: Satyagraha, das Festhalten an der Wahrheit, oder auch die Kraft der Seele oder die Kraft der Liebe. Mit diesem Begriff wollte Gandhi seine Art des aktiven Kampfes abgrenzen gegenüber nur passivem Widerstand aus Schwäche oder Hilflosigkeit.

 

Am 10. Januar 1908 wurde Rechtsanwalt Gandhi zu erstem mal wegen zivilen Ungehorsams der Prozeß gemacht. Im Gefängnis verbrachte er seine Zeit unter anderem mit der Lektüre von Thoreau und Sokrates, die beide für ihn vorbildliche Satyagrahis waren.

 

Nach Verhandlungen mit General Smuts wurde Gandhi einige Wochen später wieder freigelassen. In einem unter den Indern umstrittenen Kompromiß einigten sich Gandhi und Smuts auf eine freiwillige Registrierung der Inder und die Zurücknahme des Gesetzes. Von einem indischen Gegner des Kompromisses angegriffen und schwer verletzt, gab Gandhi als erster freiwillig seine Fingerabdrücke.

 

Das Mißtrauen einiger Landsleute war berechtigt. Die Regierung Smuts nahm das Gesetz nicht zurück, worauf die Inder ihre Registrierzertifikate öffentlich verbrannten. Wieder wurden viele verhaftet, darunter auch Gandhi.

 

Der Kampf ging weiter. Immer wieder leisteten Inder gewaltfreien Widerstand und gingen ins Gefängnis. Als Gandhi nach erfolglosen Verhandlungen weiter die Registrierung verweigerte, wurde er am 25. Februar 1909 zu drei Monaten Gefängnis unter erschwerten Bedingungen verurteilt. Für Gandhi war Satyagraha und insbesondere der zivile Ungehorsam das moralische Äquivalent zu Krieg und Bürgerkrieg. Wie Thoreau war er davon überzeugt, daß unter einer ungerechten Regierung das Gefängnis der angemessene Platz für gerechte Menschen sei.

 

Gandhis Bemühungen um eine Lösung des Konfliktes führten ihn auch nach London. Von dort aus korrespondierte er mit Graf Leo Tolstoi, der sich schon lange für den Befreiungskampf in Indien interessierte. Er informierte Tolstoi über den Kampf der Inder in Südafrika und schickte ihm auch ein Exemplar seiner Biographie, die 1909 von Pfarrer Doke geschrieben worden war.

 

In seinem Antwortschreiben drückte Tolstoi seine große Anteilnahme am Kampf der Inder aus. Er prophezeite, daß diese Bewegung dazu bestimmt sei, den unterdrückten Völkern der Erde eine Botschaft der Hoffnung zu bringen.

 

Auf der Rückfahrt von England arbeitete Gandhi Tag und Nacht an seinem Buch "Hind Swaraj" - Selbstbestimmung für Indien.

 

Diese Schrift enthält die Quintessenz seiner Gesellschafts- und Zivilisationskritik. In ihr spricht er sich klar gegen den Materialismus und die strukturelle Gewalt der modernen westlichen Gesellschaften aus und warnt die Inder davor, deren Vorbild nachzuahmen.

 

In seiner Ethik betont er die untrennbare Einheit von Mittel und Zweck, die die gleiche wie die zwischen einem Samenkorn und einem Baum sei. Swaraj als wahre Selbstbestimmung der Gesellschaft und Selbstbeherrschung des Individuums könne nicht durch brutale Gewalt, sondern nur durch die Kraft der Wahrheit erlangt werden. Diesem Ziel wolle er sein Leben widmen.

 

Gandhis Traum von einer Gemeinschaft von Satyagrahis, die sehr einfach auf dem Lande leben sollte, nahm nun auf einer Farm in der Nähe von Johannisburg Gestalt an. Er nannte sie Tolstoi Farm.

 

Diese Gemeinschaft wurde zu einem Labor für verschiedene Experimente in Selbstdisziplin, Erziehung, Ernährungsweisen und anderen spirituellen, moralischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten. Über alle Dinge des täglichen Lebens wurde genau Buch geführt.

 

Im Oktober 1912 kam der indische Politiker Krishna Gokhale auf Einladung Gandhis nach Südafrika. Gandhi spielte die Rolle seines Sekretärs und persönlichen Assistenten. Gokhale kam, um sich über die Situation der Inder in Südafrika zu informieren. Außerdem wollte er versuchen, zwischen den Satyagrahis und der südafrikanischen Regierung zu vermitteln.

 

Auf diese Weise pflegte Gandhi einen engen Austausch zwischen der Freiheitsbewegung in Indien und der indischen Bürgerrechtsbewegung in Südafrika.

 

1913 zogen die Satyagrahis erneut in den Kampf. Die von den Briten ins Land geholten indischen "Gastarbeiter" wurden durch neue Gesetze hart getroffen, die die Einwanderung und Freizügigkeit beschränkten, Ehen von Nicht-Christen für ungültig erklärten und die verhaßte Kopfsteuer für ehemalige Gastarbeiter beibehielten.

 

Die ungerechten Gesetze wurden in verschiedenen Aktionen von den Satyagrahis gebrochen. 50.000 Bergarbeiter streikten gegen die Steuer für Kontraktarbeiter. Hunderte von Männern, Frauen und Kindern marschierten von Natal nach Transvaal und wurden wegen illegaler Einwanderung verhaftet. Nach langen und zähen Verhandlungen siegte die Bürgerrechtsbewegung der Inder in allen Streitfragen. Gandhi und seine Mitstreiter wurden freigelassen. Die Forderungen der Inder wurden im Indian Relief Bill erfüllt.

 

Aus Solidarität mit den Opfern des Kampfes und als symbolischen Akt legte Gandhi seine westliche Kleidung ab. Dies war ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem asketischen Leben.

 

Am siegreichen Ende der Satyagraha-Kampagne stellt er fest: "Satyagraha ist eine Waffe von unschätzbarem Wert. Wer sie einsetzt, kennt weder Enttäuschung noch Niederlage."

 

Nach 21 Jahren ging Gandhis Mission in Südafrika zu Ende.

 

Am 18. Juli 1914 reste Gandhi zusammen mit Kasturbai und seinem deutschen Freund Hermann Kallenbach nach London, um führende indische und britische Persönlichkeiten zu treffen.

 

Zwei Tage vor seiner Ankunft wurde der Krieg erklärt. Gandhi organisierte zum dritten Mal ein Sanitätskorps für die britische Armee. Aus gesundheitlichen Gründen kam er jedoch nicht zum Einsatz. Am 19. Dezember fuhr er voller Hoffnung auf eine britisch-indische Zusammenarbeit nach Indien zurück.

 

Gandhi und Kasturbai wurden bei ihrer Rückkehr nach Indien am 9. Januar 1915 mit großem Aufgebot empfangen.

 

Gandhi versprach seinem politischen Guru Gokhale, sich erst dann in der Öffentlichkeit zu politischen Fragen zu äußern, wenn er genügend Erfahrungen in Indien gesammelt haben würde.

 

So reiste er zunächst nach Kathiawad weiter, um Verwandte und Freunde zu besuchen.

 

Man begrüßte ihn ganz spontan als "Mahatma" - die große Seele.

 

Im Mai gründete Gandhi den Satyagraha-Ashram in Kochrab bei Ahmedabad. Die Gemeinschaft band sich an die klassischen Gelübde für Yogis, die Gandhi auf 11 Regeln erweiterte: Gewaltfreiheit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Brahmacharya, Besitzlosigkeit, Selbstversorgung durch Handarbeit, Kontrolle des Gaumens, Furchtlosigkeit, gleiche Achtung für alle Religionen, Swadeshi und die Abschaffung der Unberührbarkeit.

 

1917 wurde die Unterdrückung der Bauern von Champaran in Nord-Bihar zum Anlaß für Gandhis erste Satyagraha-Kampagne in Indien.

 

Gandhi führte eine Untersuchung über die Lage der Bauern durch, die von den Briten durch den Zwangsanbau von Indigo bei niedrigen Preisen und hohen Steuern an den Rand des Verhungerns getrieben wurden.

 

Als Gandhi aufgefordert wurde, das Gebiet zu verlassen, weigerte er sich und äußerte seine Entschlossenheit, die Untersuchung im öffentlichen Interesse fortzuführen.

 

Vor Gericht argumentierte er, sein ziviler Ungehorsam beruhe nicht auf mangelndem Respekt vor gesetzlicher Autorität, sondern auf dem Gehorsam gegenüber dem höheren Gesetz des Gewissens. Er bekannte sich schuldig und forderte eine angemessene Strafe.

 

Gandhi wurde jedoch freigelassen und setzte die Untersuchung fort. Der Bericht der Untersuchungskommission führte zur Abschaffung des Zwangsanbaus und zur Reduzierung der Steuern.

 

Das Land hatte seine erste Lektion in individuellem zivilen Ungehorsam erhalten.

 

1918 kam es zu Unruhen unter den Textil-Arbeitern in Ahmedabad, die schlecht bezahlt wurden und unter schwierigen Arbeitsbedingungen litten. Gandhi untersuchte ihre Situation, leitete einen friedlichen Streik und verpflichtete die Arbeiter, auf die Ausübung jeglicher Gewalt zu verzichten und bis zum Sieg durchzuhalten. Die Lage der Streikenden wurde kritisch ... 20 Tage vergingen, nach denen der Hunger die Kampfkraft der Arbeiter zunehmend beeinträchtigte ... Aus einem spontanen Impuls heraus kündigte Gandhi an zu fasten, wenn der Streik nicht fortgesetzt würde bis zu einer Vereinbarung oder bis alle Arbeiter die Fabrik verlassen hätten. Drei Tage nach Beginn des Fastens wurde durch Schlichtung eine Übereinkunft erzielt.

 

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hofften die Inder auf die Widerherstellung der bürgerlichen Freiheiten, die im Zuge des Kriegsrechts eingeschränkt worden waren. Die Rowlatt-Gesetze vom März 1919 verlängerten das Kriegsrecht und schränkten die Bürgerrechte weiterhin ein. Eine Welle der Entrüstung durchlief das Volk.

 

Hatte Gandhi einige Monate zuvor noch Truppen für die britische Armee rekrutiert, so sah er sich nun erneut zu Widerstand gegen die Kolonialherren gezwungen. Er setzte für den 6. April einen landesweiten Hartal an, einen Tag des Betens und Fastens zur Selbstläuterung der gesamten Bevölkerung. Dieser Generalstreik war der Auftakt zu zivilem Ungehorsam. Große Menschenmengen beteiligten sich an den Aktionen und verpflichteten sich zum Verzicht auf Gewalt gegen Personen und Sachen.

 

Auf den Straßen wurde verbotene Literatur verkauft, darunter Gandhis Schriften "Hind Swaraj" und "Sarvodaya".

 

Das Land war in Aufruhr. Unzählige Menschen wurden verhaftet und verurteilt.

 

Am 13. April marschierte General Dyer mit seiner Truppe durch Amritsar zum Jallianwala Bagh, fest entschlossen, alle Rebellen zu erschießen, die dort sein Versammlungs verbot mißachteten. Ohne Warnung ließ er das Feuer auf die unbewaffneten Männer, Frauen und Kinder eröffnen. Von 1650 Schuß trafen 1516. 379 Menschen wurden getötet, etwa dreimal soviele verwundet.

 

Schlimmer noch als dieses Massaker empfand Gandhi die Demütigungen unter dem Kriegsrecht. In Amritsar mußten Männer und Frauen wie Würmer auf dem Bauch kriechen. Völlig unschuldige Menschen wurden willkürlich öffentlich ausgepeitscht.

 

Als es unter dem Terror der Briten auch immer häufiger zu gewalttätigen Ausschreitungen des Volkes kam, sah Gandhi seinen "himalayagroßen Fehler" ein. Er hatte zu früh ein Volk zu zivilem Ungehorsam aufgefordert, das dazu noch nicht reif genug war. Am 18. April 1919 blies er die Satyagraha-Kampagne ab.

 

Nach reger Aufklärungsarbeit in seinen Zeitungen "Navajivan" und "Young India" empfahl Gandhi im nächsten Konflikt eine andere Strategie.

 

1920 zerschlugen die Briten mit dem Friedensvertrag von Sevres das Türkische Reich und setzten den Sultan ab. Die indischen Moslems empörten sich vor allem über die Abschaffung des Kalifats, so das die Kalifat-Kampagne Gelegenheit zu solidarischem Handeln von Moslems und Hindus bot. Gandhi empfahl diesmal die umfassende gewaltfreie Nicht-Zusammenarbeit mit der britischen Regierung.

 

Er selbst gab das Startsignal, imden er seine Kaisar-I-Hind-Medaille und die anderen Kriegsauszeichnungen aus Süd-Afrika zurückgab. Nach den Ereignissen von 1919 und 1920 konnte er nicht mehr mit einer Regierung kooperieren, die ihre unmoralische Herrschaft nur noch mit Gewalt und Terror aufrechterhielt.

 

Schulen und Colleges wurden geräumt. Die Gerichte leerten sich.

 

Bei vielen Ansprachen überzeugte Gandhi das Volk, die Regierung mit den Waffen der Liebe zu bekämpfen. Er verurteilte die Lehre des Schwertes: "Ich möchte, daß Indien die Gewaltfreiheit der Starken praktiziert" - betonte er wieder und wieder.

 

"Wenn Indien sich an die Lehre des Schwertes hält, mag es vorübergehend siegen, soch werden ich dann nicht mehr auf Indien stolz sein können."

 

Auf der Tagung der KongreBpartei im Dezember 1920 wurde Gandhis Resolution zur Nicht-Zusammenarbeit einstimmig angenommen. Durch diese Bewegung sollte Swaraj, die Autonomie, möglichst schon in einem Jahr erlangt werden. Dieses Ziel sollte mit friedlichen und legitimen Mitteln verfolgt werden. Mit weiteren Vorschlägen zur Reorganisation der Parteistruktur trug Gandhi zur schrittweisen Umgestaltung der Kongreßpartei von einem Honoratiorenklub in eine Massenorganisation bei. So begann die Gandhi-Ära in der Kongreßpolitik.

 

Auf Gandhis Vorschlag hin wurde auch eine neue Unabhängigkeits-Flagge entworfen: ein Spinnrad vor den Farben weiß-grün-rot, die Friede, Reinheit und die Einheit aller Religionen in Indien symbolisierten.

 

Swaraj und Swadeshi, die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit ergänzten sich gegenseitig. Am 31. Juli 1921 eröffnete Gandhi die Kampagne zum Boykott ausländischer Textilien, indem er in Bombay ein riesiges Feuer mit Importkleidung anzündete. Er tat dies nicht aus Haß, sondern als Symbol für Indiens Entschlossenheit, die Fremdbestimmung abzuwerfen und auf eigenen Füßen zu stehen.

 

Gandhi legte seine Kopfbedeckung und sein Hemd ab. Er wußte, daß Millionen von Indern zu arm waren, um die ausländische Kleidung zu ersetzen. Sein Kopf wurde rasiert. Er wickelte sich ein Stück Khaddar um seine Lende und trug von nun an einen selbst gesponnen Lendenschurz.

 

Gandhi informierte den Vizekönig über seine Absicht, in Bardoli in Gujarat mit dem gewaltfreien Massenaufstand zu beginnen. Einige Tage später kam es jedoch in Chauri Chaura zu gewalttätigen Übergriffen von Demonstranten, bei denen mehrere Polizisten ermordet wurden. Gandhi sah in diesem Gewaltakt eine Warnung Gottes. Auch wenn die Gewalt von der Polizei provoziert wird, ist Gegengewalt nicht gerechtfertigt und ein Verstoß gegen das Prinzip der Wahrhaftigkeit und Gewaltfreiheit.

 

Er stoppte die geplante Massenkampagne des zivilen Ungehorsams in Bardoli und fastete fünf Tage lang zur Buße für die Vorkommnisse.

 

Endlich kam die lang erwartete Verhaftung. Am 10. März 1922 wurde er von der Polizei abgeführt.

 

Am 18. März begann der historische Prozeß in Ahmedabad. Der Angeklagte Mohandas Karamchand Gandhi, 53 Jahre alt, nach eigenen Angaben Bauer und Weber von Beruf, verteidigte sich selber und bekannte sich schuldig: " Ich halte es für eine Tugend, einer Regierung gegenüber illoyal zu sein, die Indien insgesamt mehr Schaden zugefügt hat als jedes andere Regierungssystem..." "...Ich bitte nicht um Gnade. Ich bin hier, um die höchste Strafe zu erbitten und sie freudig anzunehmen, die mir für etwas auferlegt wird, was dem Gesetz nach ein vorsätzliches Verbrechen ist, das mir aber als die höchste Pflicht eines Staatsbürgers erscheint."

 

Gandhi wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

 

Am 5. Februar 1924 wurde Gandhi vorzeitig aus der Haft entlassen.

 

Er setzte seine politische und religiöse Arbeit fort, wobei er immer wieder auf das Konstruktive Programm, die Einheit der Religionen und die Basisdemokratie besonderen Wert legte.

 

Er predigte mit Leidenschaft: "Unsere Fähigkeit, Einheit in Verschiedenheit zu ereichen, wird unsere Schönheit und die Feuerprobe unserer Kultur sein... Mein Swaraj berücksichtigt die Schächsten der Schwachen. Die Freiheit wird nicht durch die Machtübernahme einiger weniger kommen, sondern durch die Fähigkeit aller Menschen, der Staatsgewalt zu widerstehen, wenn diese mißbraucht wird."

 

Gandhi betrachtete die Unberührbarkeit als unmenschliche Sünde. "Alles, was dem Wohle der Nation abträglich ist, ist unberührbar, aber niemals kann ein Mensch dies sein."

 

"Das Spinnrad wurde der Nation empfohlen, um den Millionen Menschen Arbeit zu geben, ... die in äußerster Armut leben. Das Charkha soll die wesentliche und lebendige Interessengemeinschaft zwischen den indischen Massen verwirklichen. ... Es ist ein Verbrechen, die Handarbeit durch die Einführung von Spinnmaschinen zu ersetzen... Wenn Indien wirklich auf seinen Dörfern und nicht nur in den Städten zu Wohlstand kommen soll, dann ist das Spinnrad das einzige Instrument seines Wohlstands und seiner Freiheit."

 

Als Ende 1925 Gandhis Amtszeit als Präsident der Kongreßpartei auslief, gelobte er, sich für ein Jahr aus der aktiven Politik zurückzuziehen.

 

Das Jahr des Schweigens gab Gandhis Körper Gelegenheit zur Ruhe. Er widmete nun mehr Zeit seinem Ashram, blieb aber durch seine Zeitungen in Kontakt mit dem Volk. Durch unermüdliche Aufklärungsarbeit versuchte er, die Nation für seine sozialen und wirtschaftlichen Reformen zu gewinnen.

 

Er schrieb ausführlich über seine Vorstellungen von Wahrheit und Gewaltfreiheit, hielt Vorträge über das Neue Testament, die Gita und das Ramayana. Das zentrale Thema der Gita war seiner Meinung nach der selbstlose Verzicht auf die Früchte des eigenen Handelns.

 

Auf dem Parteitag der Kongreßpartei im Dezember 1928 schlug die revolutionäre Begeisterung besonders der jungen radikalen Fraktion unter der Führung von Jawaharlal Nehru und Subhas Chandra Bose hohe Wellen. Sie forderten die sofortige Unabhängigkeitserklärung. Die Mehrheit jedoch strebte den Dominion-Status innerhalb des Empire an.

 

Auf Initiative Gandhis wurde als Kompromiß eine Resolution verabschiedet, in der der Dominion-Status innerhalb eines Jahres gefordert wurde. Sollte diese Forderung nicht bis zum 31. Dezember 1929 erfüllt werden, würde die Kongreßpartei die volle Unabhängigkeit als Ziel erklären.

 

Um Mitternacht des 31. Dezember 1929 wurde Gandhis historische Unabhängigkeitserklärung zusammen mit den zu ergreifenden Maßnahmen verabschiedet.

 

Die Satyagraha-Kampagne wurde mit dem 26. Januar 1930 als dem Unabhängigkeitstag eröffnet. Überall im Land leisteten große Menschenmengen feierlich das folgende Gelöbnis: "Wir glauben, daß es das unveräußerliche Recht des indischen wie jedes anderen Volkes ist, in Freiheit zu leben...

 

"Wir erachten es als ein Verbrechen gegen die Menschheit und gegen Gott, uns länger einer Herrschaft zu unterwerfen, die unserem Land Unglück bringt..."

 

Gandhi veröffentlichte ein 11-Punkte-Manifest, in dem das völlige Verbot von Alkohol, die Verringerung der Landsteuer und der Militärausgaben und die Abschaffung der Salzsteuer als die dringendsten Bedürfnisse des Volkes hervorgehoben wurden.

 

"Außer Luft und Wasser ist Salz vielleicht die größte Notwendigkeit im Leben" - schrieb Gandhi.

 

In einem Brief an den Vizekönig kündigte er wie immer seine Absichten an: " Wenn mein Brief keinen Eindruck auf Ihr Herz macht, werden ich am 11. Tage dieses Monats daran gehen, das Salzgesetz zu übertreten... Da die Freiheitsbewegung in erster Linie für die Ärmsten des Landes geführt wird, werden wir mit diesem Mißstand beginnen." Der Vizekönig beantwortete Gandhis Bitte um Verhandlungen nicht.

 

Gandhi entschied, selbst den ersten Akt des zivilen Ungehorsams auszuüben, indem er zusammen mit ausgewählten Satyagrahis aus dem Ashram, die Gewaltfreiheit als Religion praktizierten, illegal Salz aus dem Meer nehmen würde.

 

Die lang ersehnte Stunde war gekommen.

 

Am 12. März begann der große Marsch für die Freiheit.

 

Gandhi begann zusammen mit 78 Satyagrahis seinen 241-Meilen-Marsch vom Ashram nach Dandi, einem Dorf an der Westküste Indiens.

 

Der 61jährige Gandhi marschierte mit schnellen und sicheren Schritten an der Spitze der Prozession, voller Überzeugung von der Gerechtigkeit des Kampfes und voller Vertrauen auf den Erfolg der Kampagne.

 

Täglich wurden etwa 10 Meilen zurückgelegt... Unterwegs sprach er über die vertrauten Themen: den Verzicht auf Alkohol, die Abschaffung der Kinderheirat, das Spinnen von Khadi und die anderen Punkte des Konstruktiven Programms.

 

Der gewaltfreie Rebell prediglte die Pflicht zum Ungehorsam: "Loyalität einem so korrupten Staat gegenüber ist eine Sünde, Illoyalität eine Tugend." In den durchquerten Gebieten gaben viele Dorfvorsteher ihre Regierungsposten auf.

 

m 6. April 1930, nach 24 Tagen der Pilgerschaft, war es soweit.

 

Am Strand von Dandi nahm Gandhi zunächst ein Bad.

 

Dann hob er feierlich ein Stück natürliches Meersalz auf. Das Salzmonopol der Briten war gebrochen. Auf dieses Signal hatte die Nation schon lange gewartet.

 

Agitation und ziviler Ungehorsam verbreiteten sich über das ganze Land. Indien revoltierte. Jedem, der das Risiko der Strafverfolgung nach dem Salzgesetz auf sich nahm, war es möglich, Salz zu gewinnen, wo und wann er wollte. Hauptsache, das unverschämte Gesetz wurde übertreten.

 

Höchst bemerkenswert war die Rolle der Frauen im nationalen Befreiungskampf. In der Stunde der Bewährung verließen sie in großer Zahl die Abgeschlossenheit ihrer Häuser und warfen sich in den Kampf... Gandhi bemerkte: "In diesem gewaltfreien Krieg sollte der Beitrag der Frauen viel größer sein als der der Männer... Die Frauen das schache Geschlecht zu nennen, ist eine Verleumdung; es ist die Ungerechtigkeit der Männer gegenüber den Frauen... Wenn die Gewaltfreiheit das Gesetz unseres Wesens ist, gehört die Zukunft der Frau."

 

Nirgendwo wurde ein Gesetz friedlicher und doch hartnäckiger mißachtet.

 

Das Volk kämpfte entschlossen, die Brutalitäten und die Folter der Sicherheitsorgane zu ertragen... Die Polizei führte Massenverhaftungen durch. Salzpfannen wurden mit Gewalt zerstört, die Menschen wurden brutal verjagt. 60.000 politische Gefangene füllten die Gefängnisse, und doch blieb das Volk friedlich und bereit, die Kampagne fortzusetzen.

 

Kongreßführer wurden bei ihren Aktionen auf der Straße verhaftet. Gandhi ließ man zunächst unbehelligt seine Botschaft des zivilen Ungehorsams verbreiten, bis er am 4. Mai schließlich doch abgeführt wurde.

 

Gandhis Sohn Manilal führte 2.500 Satyagrahis beim Sturm auf die Dharsana Salzwerke. Wie überall wurden die gewaltfrei Widerstand Leistenden ohne Gegenwehr niedergeschlagen, getötet oder schwer verletzt. Die Regierung antwortete mit noch mehr Repression und brutaler Gewalt.

 

Indien wurde jetzt von einer rücksichtslosen Diktatur beherrscht, die hemmungslos Menschenrechte verletzte.

 

Jede neue repressive Maßnahme bot jedoch auch die Gelegenheit, sie zu mißachten.

 

Man verstärkte den Boykott ausländischer Kleidung und die Streikposten vor den Alkoholgeschäften. Die Bauern verweigerten die Steuern.

 

Der Verlauf der Ereignisse gab dem Volk Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen.

 

Ganz Indien befand sich im Aufstand... Hunderte von Parlamentsmitgliedern traten zurück... Die Kongreßkomitees wurden für illegal erklärt... Die Polizei führte Massenverhaftungen durch. Die Führung der Kampagne wechselte in schneller Folge von einer Person auf die andere. Indien wurde zu einem gigantischen Gefängnis, und trotzdem starben viele für die Freiheit ihres Landes. Die grausame Schlacht zog sich über Monate hin...

 

Anläßlich seiner bedingungslosen Freilassung am 26. Januar 1931, dem Jahrestag des Unabhängigkeitsgelöbnissen bemerkte Gandhi: "Ich sehne mich nach Frieden, wenn er ehrenhaft erreicht werden kann."

 

Der Arbeitsausschuß der Kongreßpartei bekräftigte seinen Glauben an den zivilen Ungehorsam und verabschiedete Gandhis Resolution über die Bedingungen für einen Waffenstillstand. Er forderte eine generelle Amnestie für politische Gefangene und die sofortige Einstellung der repressiven Maßnahmen.

 

Gandhi war stets bemüht alles zu tun, um dem Gegner entgegenzukommen und Ärger und Mißtrauen zu überwinden. So beschloß er, zur Schaffung des Friedens nichts unversucht zu lassen und in Verhandlungen mit dem Vizekönig einzutreten.

 

Nach zähen Verhandlungen wurde das Gandhi-Irwin-Abkommen am 5. März 1931 unterzeichnet. Die Vereinbarung war "vorläufig" und "mit Vorbehalt". Die zentrale Frage nach der genauen Vorstellung vom Ziel der Unabhängigkeit blieb offen..."Es ist nicht weise zu sagen, welche Partei gewonnen hat" - bemerkte Gandhi.

 

Die Gefängnisse öffneten sich ... Tausende von politischen Gefangenen wurden entlassen und vom Volk begrüßt.

 

Gandhi betonte die Bedeutung des Kompromisses: "Ein neues Zeitalter ist nun angebrochen... Volle 12 Monate lang haben wir eine Kriegsmentalität entwickelt. Jetzt müssen wir nach einer anderen Melodie singen... Der Satyagrahi muß zwar stets zum Kampf bereit, aber gleichzeitig genauso erpicht auf den Frieden sein. Die wesentliche Bedingung für einen Kompromiß ist, daß nichts Demütigendes und nichts Überängstliches an ihm sein sollte.

 

Am nächsten Parteitag in Karachi nahm auch eine starke Abordnung islamischer "Khudai Khidmatgar", Diener Gottes, aus der nördlichen Grenzprovinz teil. Unter der Führung von Abdul Gaffar Khan, genannt Grenz-Gandhi, gelang es ihnen im Vorjahr sogar, Militär und Polizei aus der Stadt Peshawar zu vertreiben und eine Gegenregierung zu bilden.

 

Der Parteitag ratifizierte das Gandhi-Irwin-Abkommen und ernannte Gandhi zum alleinigen Vertreter der Kongreßpartei auf der Round-Table-Konferenz in London.

 

Auf Gandhis Vorschlag wurden die Farben der Nationalflagge geändert. Weiß, grün, rot wurden ersetzt durch safran für Mut und Opferbereitschaft, weiß für Wahrhaftigkeit und Friede, grün für Glaube und Stärke. Das Spinnrad wurde als Symbol für die Hoffnung der Massen beibehalten.

 

Für Gandhi bestand die wahre Verteidigung der Flagge darin, sich die in den Farben symbolisierten Eigenschaften anzueignen und dem Spinnrad in jedem Haushalt einen Platz zu verschaffen.

 

Er erklärte: "Wir haben fast 700.000 Dörfer, von denen sich eine große Zahl in einem Zustand am Rande des Verhungerns befindet. Dies ist so, weil sie während sechs Monaten im Jahr keine Arbeit haben... Deshalb ist es notwendig, irgendeine zusätzliche Beschäftigung zu finden ... Eine solche Beschäftigung ist das Spinnen von Hand.

 

Als Gandhi am 29. August 1931 Indien zur Round-Table Konferenz verließ, träumte er von einem anderen Indien: "Ich werde für ein Indien arbeiten, in dem auch die Ärmsten das Gefühl haben, daß es ihr Land ist, dessen Gestaltung sie tatsächlich und wirkungsvoll mitbestimmen können, ein Indien, in dem es keine obere und keine untere Klasse gibt, ein Indien, in dem alle Glaubensgemeinschaften in vollkommener Harmonie leben."

 

In einer sehr ausgelassenen Stimmung an Bord spielte Gandhi mit einem Kind... Er fühlte sich in der Gegenwart von Kindern sehr wohl... Ebenso genoß das Kind sichtlich das Spiel mit dem Mahatma... "Kinder sind mein Leben", sagte er.

 

Auf der Brücke ließ er sich die verschiedenen Navigationsinstrumente erklären...

 

...und nahm auch bereitwillig an der Rettungsübung mit Schwimmwesten teil.

 

Auf dem Schiff hielt Gandhi Vorträge über Gewaltfreiheit. Er meinte, daß es, wenn das Leben sich inmitten der Zerstörung behauptet, ein höheres Gesetz geben müsse ... das Gesetz der Liebe, das wie das Gesetz der Schwerkraft arbeite; daß die Kraft der Gewaltfreiheit unendlich viel subtiler sei als die materielle Kraft der Natur; und daß Gegner mit Liebe besiegt werden sollten...

 

In seinem loyalen Sekretär Mahadev Desai hatte Gandhi einen Assistenten, der ihn nicht nur von viel Routinearbeit entlastete, sondern der auch seinen scharfen Verstand und seine unermüdliche Arbeitskraft Gandhi voll zur Verfügung stellte. Mahadev verehrte Gandhi sehr, und Gandhi empfand tiefe und grenzenlose Zuneigung zu ihm.

 

In London nahm Gandhi Muriel Lesters Einladung an, in Kingsley Hall zu wohnen. Dieses Haus war das Zentrum der Quäker für ihre Sozialarbeit in den Slums von London. Die Bevölkerung von East End öffnete Gandhi ihre Häuser und Herzen...

 

Auf dem Flachdach des Hauses wurde Gandhi eine kleine Zelle mit Blick auf die Stadt zur Verfügung gestellt.

 

Viele Leute versammelten sich vor dem Haus, um Gandhi willkommen zu heißen. (Original-Ton:) "Ich bin dankbar für diese Gelegenheit, von glücklichen Kindern umringt zu sein und die Wohnungen der Armen zu sehen."

 

Unter den Arbeitern fühlte er sich schnell zu Hause. Er war glücklich, weil er hier einen Eindruck von dem Leben erhielt, das zu führen er sich selbst verpflichtet hatte.

 

Auf der Round Table-Konferenz betonte Gandhi die Notwendigkeit des allgemeinen Wahlrechts und der Gleichberechtigung der Rassen und trat für eine ehrenwerte Partnerschaft zwischen Indien und Großbritannien ein.

 

"Eine Nation, die ihre Verteidigung und ihre Außenpolitik nicht selbst kontrolliert, ist wohl kaum eine verantwortliche Nation", versicherte Gandhi.

 

Er warnte: "Eine Nation mit 350 Millionen Menschen benötigt lediglich einen eigenen Willen, 'nein' zu sagen; und diese Nation ist heute dabei zu lernen, 'nein' zu sagen."

 

Gandhis Besuch in Lancashire bot ihm die Gelegenheit zu freundlichen Kontakten mit den Fabrikbesitzern und Arbeitern.

 

In diesem Zentrum der britischen Textilindustrie begrüßte der Bürgermeister von Darwen den kompromißlosesten Verfechter des Boykotts ausländischer Kleidung.

 

Gandhi bat die Arbeiter, nicht Indien für ihre Not verantwortlich zu machen und schüttete vor ihnen sein Herz aus. "Ich wäre ein falscher Freund, wenn ich nicht offen zu Ihnen wäre." Er erklärte, wie sie Wirtschaft, Ethik und Politik in seinem Leben unausweichlich gegenseitig durchdringen...

 

"Mein Nationalismus ist nicht so engherzig, daß ich nicht Ihren Kummer teilen würde ... Ich wünsche nicht das Glück meines Landes auf Kosten des Glücks ihrendeines anderen Landes ... Sie haben drei Millionen Arbeitslose, aber bei uns sind fast 300 Millionen Menschen arbeitslos und während der Hälfte des Jahres unterbeschäftigt.. .Ihr durchschnittliches Arbeitslosengeld beträgt 70 Shilling. Unser durchschnittliches Einkommen beträgt 7 Shilling und 6 Pence im Monat... Wenn Indien die lebendigen Leichen wiederbeleben könnte, indem es ihnen Nahrung und Leben in Form von Arbeit gibt, würde dies der ganzen Welt helfen..."

 

Unverblümt fragte er die Maschinenarbeiter: "Möchten Sie, daß der Wohlstand von Lancashire auf dem Ruin des indischen Handwerkers beruht?"

 

Ihre spontane Antwort war: "Jetzt kennen wir uns."

 

Auf die Bitte, etwas zu sagen, meinte Gandhi (Original-Ton): "Sagt den anderen Kindern, daß ich euch alle liebe wie meine eigenen Kinder - das ist alles, was ich sagen möchte."

 

In einer aufgezeichneten Ansprache versuchte Gandhi, die Existenz einer wohlwollenden Kraft - Gottes - zu beweisen (Original-Ton): "Während alles um mich sich ständig ändert, ständigem Sterben unterworfen ist, nehme ich schwach wahr, daß all' diesen Veränderungen eine lebendige Kraft zugrun deliegt, die selbst unveränderlich ist, die alles zusammenhält, die erschafft, auflöst und wieder erschafft. Diese formende Kraft, dieser Geist ist Gott ... Denn ich sehe, wie inmitten des Todes sich das Leben behauptet, inmitten der Unwahrheit sich die Wahrheit behauptet, inmitten der Dunkelheit sich das Licht behauptet. Daraus entnehme ich, daß Gott das Leben, die Wahrheit und das Licht ist. Glaube geht über die Vernunft hinaus..."

 

Als Gast seiner Majestät fühlte sich Gandhi moralisch verpflichtet, die Einladung anzunehmen und an dem Empfang des Königs teilzunehmen.

 

Zum Buckingham Palast ging er in seiner gewohnten Kleidung.

 

Die Round-Table-Konferenz wurde ein vollständiger Fehlschlag. Jede Tendenz zur Spaltung in Indien wurde entsprechend der bewährten Kolonialpolitik des "Teile und Herrsche" ermutigt ... Die Konferenz endete am 1. Dezember 1931.

 

Nachdem Gandhi vor der Kingsley Hall einen Baum gepflanzt hatte, war dies seine Abschiedsbotschaft (Original-Ton): "Was auch immer das Ergebnis der Mission sein möge, die mich nach London führte, ich weiß, daß ich die angenehmsten Erinnerungen an meinen Aufenthalt inmitten der armen Leute von East London mitnehmen werde."

 

Auf seiner Rückreise fuhr Gandhi über Frankreich nach Genf, um dort einige Tage mit seinem Freund und Verehrer Romain Rolland zu verbringen.

 

Die zwei verwandten Seelen trafen sich in der Villa Olga am Ufer des Genfer Sees, tief beunruhigt über die Stürme, die sie über der Welt aufziehen sahen.

 

Vor einer Versammlung von Kriegsdienstgegenern in Lausanne erklärte Gandhi: "Gott ist ein ewiges Prinzip. Deshalb sage ich, die Wahrheit ist Gott, und der Weg zu ihm ist der Weg der Liebe."

 

Nach fünf Tagen Aufenthalt in der Schweiz brach Gandhi auf nach Italien.

 

In Rom wurden die Gallerien des Vatikan speziell für Gandhi geöffnet ... Ihre Kunstschätze interessierten ihn sehr...

 

Gandhis Blick fiel auf ein eindrucksvolles Kruzifix. Er ging dicht heran und verharrte in tiefer Kontemplation... Ihm wurde deutlich, daß Nationen wie Individuen nur durch die Qualen des Kreuzes geschaffen werden können, und daß Freude nicht dadurch entsteht, daß man anderen Leiden zufügt, sondern dadurch, daß man selbst freiwillig Leiden erträgt...

 

Bei seiner Ankunft in Indien fand Gandhi zu seinem Erstaunen und Entsetzen eine verstärkte Repression unter dem Ausnahmezustand vor ... Dem Waffenstillstand war der Todesstoß versetzt worden ... Die Würfel schienen gefallen...

 

Gandhi berichtete dem Arbeitsausschuß der Kongreßpartei ausführlich über seine Arbeit in Großbritannien... Zusammen mit seinen Kollegen diskutierte er die düstere Situation im Lande und ersuchte Lord Willingdon um ein Gespräch, um eine Lösung zu finden...

 

Als er vom Vizekönig eine kühle Antwort erhielt, blieb Gandhi keine andere Wahl, als erneut zu zivilem Ungehorsam zu greifen...

 

Er bereitete sich darauf vor, ins Gefängnis zu gehen.

 

Er richtete eine Botschaft an das Volk, aus dem Schlaf zu erwachen und ohne Haß oder Böswilligkeit die Herausforderung der Regierung anzunehmen, denn "wir bekämpfen nicht Menschen, sondern Maßnahmen."

 

Die Regierung schlug sofort zurück und verhaftete Gandhi am 4. Januar 1932.

 

Indien stöhnte unter der neuen Welle der Unterdrückung ... Es war ein Konflikt zwischen zwei historischen Kräften...

 

Die Gefängnisse füllten sich erneut mit politischen Häftlingen.

 

Woche um Woche erreichten Gandhi im Gefängnis neue Nachrichten über Notstandsgesetze im ganzen Land.

 

Was ihn aber mehr als alles andere mit tiefer Sorge erfüllte, war das in der neuen Verfassung vorgesehene separate Wahlverfahren für die Unberührbaren, die Gandhi "Harijans", Kinder Gottes, nannte.

 

Nicht nur die Moslems, auch die Unberührbaren sollten nun in getrennten Verfahren ihre eigenen Vertreter ins Parlament wählen. Mit diesem Verfahren sah Gandhi die unmenschliche Aufspaltung der indischen Gesellschaft auch noch gesetzlich legitimiert. Sein ganzer Einsatz für die Einheit der Hindus war gefährdet. Sie würde zukünftig durch Parteikämpfe und Wahlen noch weiter untergraben werden. Gandhi informierte den Premierminister Ramsay MacDonald, daß er gegen diese Entscheidung mit seinem Leben Widerstand leisten müsse.

 

Am 20. September 1932 begann er sein Fasten bis zum Tode. Diesmal richtete sich sein Fasten nicht an Großbritannien, sondern an die Gemeinschaft der Hindus. Gandhis Fasten sollte weniger ein zusammengeflicktes Abkommen zwischen Kastenhindus und dem Führer der Kastenlosen Ambedkar erreichen, sondern in erster Linie alle Hindus für die Belange der Harijans empfänglich machen und mobilisieren. Nicht die Verhandlungen waren für ihn entscheidend, sondern die Veränderung der Beziehung zwischen Hindus und Harijans.

 

Auf beiden Ebenen wurde das Ziel erreicht. Je mehr das Volk um das Leben des Mahatma bangte, um so eifriger riß es die Schranken zwischen Kastenhindus und Unberührbaren nieder.

 

Millionen beteten und fasteten mit Gandhi. Es kam zu Demonstrationen und spontanen öffentlichen Verbrüderungen. Prominente Hindus speisten öffentlich zusammen mit Harijans. In vielen Dörfern und Städten wurde es den Unberühr baren gestattet, den gemeinsamen Brunnen zu benutzen. Organisationen faßten Beschlüsse zur Beseitigung der Diskriminierungen. Überall wurden Hindu-Tempel für Harijans geöffnet. Eine Welle der Reform, der Buße und der Selbstläuterung überspülte das Land. Was Sozialreformer in Jahr zehnten nicht erreichten, vollbrachte das Charisma des Mahatma in wenigen Tagen.

 

Am 5. Tag des Fastens, als Gandhis Leben zu Ende zu gehen drohte, unterzeichneten die Vertreter der Kastenhindus und der Unberührbaren in Abstimmung mit Gandhi den Yeravda Pakt, der ein gemeinsames Wahlverfahren, aber reservierte Parlamentssitze für Unberührbare vorsah. Schließlich stimmte auch die britische Regierung zu, so daß Gandhi am 6. Tag sein Fasten beendete.

 

Das "epische Fasten" verbesserte in einigen Bereichen die Lebensbedingungen der Harijans und führte vor allem zu einer psychologischen Revolution in der hinduistischen Gesellschaft. Gandhis Fasten verwandelte eine religiöse Pflicht in eine moralische Sünde und stärkte nachhaltig das Selbstbewußtsein der Harijans, auch wenn sich die tatsächliche soziale Situation der Unberührbaren besonders auf dem Land auf Dauer kaum verbessern ließ.

 

Das herausragende Ereignis des Parteitages der Kongreß-Partei von 1934 war Gandhis Rückzug aus der Partei. Es gelang ihm nicht, den Kongreß zu einer Änderung seiner Methoden von "friedliche und legitime" in "wahrhaftige und gewaltfreie" zu bewegen.

 

Gandhi rechtfertigte seinen Austritt aus der Kongreßpartei "Wenn ich weiterhin die Kongreßpartei trotz fundamentaler Interessengegensätze dominieren würde, wäre das für mich fast eine Art von Gewalt, von der ich Abstand nehmen muß..."

 

Gandhi wollte freie Hand haben für die konstruktive Arbeit in den Dörfern und zugunsten der Harijans. Diese Arbeit hielt er für wichtiger als die Parteipolitik. Die indischen Dörfer wiederzubeleben war für Indien lebensnotwendig und das einzige Mittel gegen die fortschreitende Verarmung. Dazu gründete Gandhi einen Ashram in Wardha.

 

"Wir sollten uns", so argumentierte er, "mit den armen Dorfbewohnern identifizieren, wie sie leben, ihnen helfen, das zu produzieren, was sie brauchen, und dabei die am Ort vorhandenen Rohstoffe, Talente und Werkzeuge voll ausnützen."

 

Beunruhigt über den Vormarsch der Maschinen in den Dörfern stellte Gandhi fest: "Seit ewigen Zeiten haben die indischen Dörfer ihren eigenen Reis gedroschen..."

 

"Ungeschälter Reis und handgemahlenes Weizen-Vollkornmehl sind nicht nur nahrhaft, sondern schaffen auf dem Land auch Arbeitsplätze."

 

"Wir ließen es zu, daß der Ölbauer des Dorfes zum Aussterben gebracht wurde. Jetzt nehmen wir gepanschtes Öl..." Gandhi überzeugte die Dorfbewohner von vernünftigen Ernährungsweisen.

 

"In unserer gesamten Ernährung," erläuterte er, "halten wir den Schatten für die Substanz und ziehen weißen Zucker dem reichhaltigeren braunen Zucker vor..."

 

Gandhi plädierte dort für die Mechanisierung, wo es zu wenig Hände gibt, die die Arbeit verrichten könnten... Er hielt sie jedoch für ein Übel, wenn mehr Hände als für die Arbeit nötig vorhanden sind, wie es in Indien der Fall ist.

 

Zur Lösung dieses Problems schlug er vor, das dörfliche Gewerbe und Handwerk und die sie ausübenden Arbeiter vor der niederschmetternden Konkurrenz der maschinellen Industrie zu schützen.

 

In der Überzeugung, daß das wirkliche Indien auf den Dörfern zu finden ist, zog Gandhi 1936 mit seinem Ashram um in das heruntergekommene Dorf Sevagram.

 

Dort wollte er sich der Selbstverwirklichung durch den Dienst an den Dorfbewohnern widmen. Er schrieb: "Ich erachte kein Opfer für zu groß, um Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Meine ganze Tätigkeit, ob sie nun sozial, politisch, humanitär oder ethisch genannt wird, ist auf dieses Ziel ausgerichtet. Und da ich weiß, daß man Gott öfter in den niedersten seiner Geschöpfe findet als in den hohen und mächtigen, so bemühe ich mich darum, ihren Stand zu erreichen. Ich kann das nicht ohne Dienst an ihnen tun. Daher rührt meine Leidenschaft für den Dienst an den unterdrückten Gruppen."

 

Gandhi erkannte, daß auf lange Sicht die Zukunft von den Dorfschulen abhängen würde.

 

Er erläuterte seine Theorie der Erziehung durch eine Berufsausbildung. Durch eine vielseitige Förderung des Kindes würde sie sowohl die geistige Entwicklung voran treiben als auch die Verankerung des Kindes im sozialen und wirtschaftlichen Leben des Dorfes gewährleisten.

 

Die Ausbildung sollte auf den Beschäftigungsmöglichkeiten des Dorfes aufbauen und allen leicht zugänglich sein.

 

Obwohl die Grundausbildung auf einem Handwerk beruhte, bestand Gandhi darauf, daß Verstand und Gefühle der Kinder genauso wie die manuellen Fertigkeiten gefördert werden.

 

Für Gandhi beschränkte sich die Verwirklichung der Gewaltfreiheit nicht auf Indien.

 

Mussolinis Angriff auf Abessinien bestürzte ihn.

 

Er appellierte an die Welt: "Wenn die anerkannten Führer der Menschheit, die die Energien zur Zerstörung kontrollieren, in vollem Bewußtsein der Folgen auf deren Einsatz verzichten würden, könnte ein dauerhafter Friede erreicht werden.

 

Zum Münchner Abkommen 1938 bemerkte er: "Der Friede, den Europa in München erreichte, ist ein Triumpf der Gewalt. Er besiegelt die Niederlage Europas ... Die Wissenschaft der Gewaltfreiheit allein kann den Weg zu einer echten Demokratie bereiten..."

 

Die Not der Tschechen berührte Gandhi zutiefst. Er riet den kleinen Völkern Europas, sich Hitlers Willen zu widersetzen und unbewaffnet unterzugehen, um ihre Ehre zu retten. Er behauptete, daß es zwar tapfer sei zu kämpfen; es sei jedoch noch tapferer, den Kampf zu verweigern, sich aber auch zu weigern, dem Willen des Ursupators nachzugeben.

 

Mit der Eskalation des Anti-Semitismus in Deutschland riet Gandhi den verfolgten Juden, tapfer Deutschland als ihre Heimat zu beanspruchen. Er war sicher, daß religiöser Widerstand gegen die gottlose Wut eines unmenschlichen Mannes den Juden die innere Stärke und Freude geben würde, die Jehovah ihnen verlieh.

 

Gandhi sah die verheerenden Folgen eines Krieges voraus und schrieb an Herrn Hitler - die einzige Person, die einen Krieg verhindern konnte, der die Menschheit in die Steinzeit zurückwerfen würde. Er fragte ihn: "Müssen Sie diesen Preis für ein Ziel bezahlen, wie wertvoll dieses Ihnen auch immer erscheinen mag? Werden Sie auf den Appell eines Menschen hören, der wohlüberlegt die Methode des Krieges verworfen hat?"

 

Der Indian National Congress verurteilte die Aggression der Nazis. Er erklärte gleichzeitig, daß das indische Volk zwar mit keinem anderen Volk im Streit wäre, daß es sich aber in einem tiefgreifenden Konflikt mit Systemen befände, die Krieg und Gewalt verherrlichen und den menschlichen Geist unterdrücken. Indien könne sich nicht einem Krieg an schließen, der angeblich für die Freiheit der Demokratie geführt wird, wenn eben diese Freiheit Indien verweigert wird.

 

Gandhi appellierte leidenschaftlich an die Inder, die Gewaltfreiheit als ihr Glaubensbekenntnis anzunehmen und die Menschenwürde zu wahren. Er schrieb: "Die Verteidigung Indiens mit den gegenwärtigen Methoden ist notwendig, weil es ein Anhängsel Großbritanniens ist. Das freie Indien kann keinen Feind haben."

 

"Es wäre besser, wenn Indien die Gewalt ein für allemal verwerfen würde, selbst zur Verteidigung seiner Grenzen. . .Wenn Indien sich am Wettrüsten beteiligt, wird es Selbstmord begehen." "Wenn Indien für die Gewaltfreiheit verloren geht, gibt es keine Hoffnung mehr für die Welt."

 

Im Februar 1940 besuchten Gandhi und Kasturbai den großen Dichter Tagore in Santiniketan...(Musik)...Tagore und Gandhi verband eine tiefe Freundschaft. Ihre Beziehung war geprägt von Liebe und gegenseitigem Respekt.

 

Die Ereignisse nahmen ihren eigenen Lauf ... Da Indien unter britischer Kolonialherrschaft verblieb, war schnelles Handeln dringend angesagt.

 

Die Kongreßpartei übertrug Gandhi 1940 die volle Verantwortung für eine neue Kampagne des zivilen Ungehorsams.

 

Gandhi betonte die absolute Notwendigkeit von Disziplin: "Das Wesen von Satyagraha besteht nicht im Schreiben von Slogans, sondern in der Ausführung der Anordnungen des gewählten Generals in Wort und Geist..."

 

Gandhi empfahl sein 13-teiliges Konstruktives Programm. In der Erfüllung dieses Programms lag bereits die gewaltfreie Verwirklichung von Swaraj auf der Basis von sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Gleichheit, die es jedem Einzelnen ermöglichen, alles zum Leben Notwendige zu erhalten.

 

Als Verbindung von Wirtschaft und Ethik vertrat Gandhi die Botschaft der Upanishaden, Reichtum dadurch zu genießen, daß man auf ihn zugunsten des Allgemeinwohls verzichtet.

 

Er verkündete die Theorie der Treuhänderschaft, um die Erwerbsgesellschaft in eine egalitäre Gesellschaft umzugestalten. "Eine auf Gewaltfreiheit beruhende Gesellschaft kann kein anderes Ziel verfolgen."

 

Gandhi suchte diesmal einen mittleren Weg zwischen Untätigkeit und riskanten Massenaktionen und entschied sich für individuelle Satyagraha zum Audruck des moralischen Protestes gegen den Krieg.

 

Er wollte sich selbst heraushalten und bestimmte Vinoba Bhave als ersten Satyagrahi, der öffentlich seine Nicht-Zusammenarbeit mit den Kriegsanstrengungen verkünden sollte.

 

Der symbolische Protest von einer Person nach der anderen nahm große Dimensionen an ... Tausende folgten dem Aufruf, verkündeten ihre Absicht und gingen ins Gefängnis.

 

Als die Regierung der Presse verbot, über den Fortschritt der Satyagraha-Kampagne zu berichten, stellte Gandhi das Erscheinen seiner Zeitungen ein und bat jedermann, seine eigene Zeitung mit authentischen Nachrichten zu sein.

 

1942 kam Sir Stafford Cripps nach Indien, um die Vorschläge des britischen Kriegskabinetts über eine Selbstverwaltung zu diskutieren.

 

Hinter den Vorschlägen, die sich auf die Nachkriegszeit bezogen, stand die alte imperialistische Spaltungspolitik, die alle separatistischen Tendenzen nur verstärkte.

 

Cripps begann eine Reihe von Verhandlungen mit den Führern aller Parteien.

 

Die britischen Vorschläge wurden von allen Parteien und Gruppierungen in Indien zurückgewiesen.

 

Die Cripps-Mission schlug fehl. Die Aussichten für die Freiheit wurden düster und in weite Ferne gerückt.

 

Indien drohte die Invasion durch die Japaner... Die Quit-India-Kampagne begann langsam in Gandhis Geist Gestalt anzunehmen.

 

Der Arbeitsausschuß der Kongreßpartei stimmte mit Gandhis Ansicht überein, daß Indiens Abhängigkeit seine Verteidigung schwächte und verkündete dem Land, daß die britische Herrschaft in Indien nun endlich aufhören müsse. Nur die konkrete Aussicht auf Freiheit würde das Volk motivieren, einer Aggression zu widerstehen. (Original-Ton, Rufe: "Mahatma Gandhi jikai")

 

Wieder wurde der Kampf heftig und mit großer Opferbereitschaft geführt...

 

Gandhi wurde erneut verhaftet. Es war sein letzter Gefängnisaufenthalt. Insgesamt hatte er 2089 Tage in indischen und 249 Tage in südafrikanischen Gefängnissen verbracht.

 

Im Alter von 74 Jahren unternahm er ein weiteres Fasten von 21 Tagen.

 

Kurz nach seinem Fasten erkrankte Kasturbai im Gefängnis schwer. Am 22. Februar 1944 starb sie als Gefangene seiner Majestät im Alter von 74 Jahren. So endete eine 62jährige Freundschaft zwischen Gandhi und Kasturbai.

 

Gandhis ständige Begleiterin wärend all der Jahre wurde vor seinen Augen verbrannt.

 

Er ließ seinen Gefühlen freien Lauf und sagte: "Ich kann mir ein Leben ohne Ba nicht vorstellen."

 

Im August 1945 fielen die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ... Der Zweite Weltkrieg war vorüber.

 

Gandhis Antwort auf die Atombombe war ein verstärktes Bekenntnis zur Gewaltfreiheit: "Die Atombombe tötete das feinste Geühl, das die Menschheit in Jahrhunderten am Leben erhalten hat. Die Bombe wird nicht durch Gegen-Bomben zerstört werden, ebensowenig wie Gewalt durch Gegengewalt besiegt werden kann."

 

Später sagte Gandhis auf einer inter-asiatischen Konferenz (Original-Ton): "Frau Präsident, liebe Freunde, der Westen lechzt heute nach Weisheit. Der Westen verzweifelt über der Anhäufung von Atombomben, denn die Aufrüstung mit Atombomben bedeutet die totale Vernichtung, nicht nur des Westens, sondern der gesamten Welt. Wenn Sie dem Westen eine Botschaft vermitteln wollen, muß dies eine Botschaft der Liebe sein, muß es eine Botschaft der Wahrheit sein."

 

Indiens Schicksalsstunde war gekommen.

 

Im März 1946 landete eine Regierungsdelegation aus Lord Pethick-Lawrence, Sir Stafford Cripps und A.V. Alexander in Indien, um die Bedingungen der Machtübergabe auszuhandeln.

 

Das vom Krieg ausgeblutete Großbritannien, das zudem unter dem Druck der USA stand, wollte unter der neuen antikolonialen Labour-Regierung seine größte und rebellische Kolonie so schnell wie möglich loswerden.

 

Während der Verhandlungen blieb Gandhi in Kontakt mit der Delegation. Er erklärte seinen Widerstand gegen die Zwei-Nationen-Theorie, betonte jedoch, daß er nur für seine Person spreche.

 

"Die Unabhängigkeit sollte politisch, wirtschaftlich und moralisch sein, d.h. konkret: Rückzug der britischen Armee, Freiheit von Kapitalisten und Kapital zur Sicherung der Gleichheit zwischen den Größten und den Geringsten und Freiheit von bewaffneten Streitkräften."

 

Er hoffte, daß das freie Indien seine gewaltfreie Politik fortsetzen und die Erde von dieser erdrückenden Last befreien würde.

 

Die Gespräche zwischen den Parteien und Gruppierungen in Simla wurden am 12. Mai abgebrochen, nachdem zwischen der Kongreßpartei und der Moslem-Liga keine Einigung erreicht werden konnte.

 

Nach dem Fehlschlag der Simla-Konferenz verfolgte die Kabinettsmission ihren eigenen Plan und lehnte die Teilung Indiens aus sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und administrativen Gründen ab.

 

Sie empfahl ein vereintes Indien und die Einrichtung einer Übergangsregierung, die eine verfassungsgebende Versammlung einberufen sollte.

 

Gandhi überzeugte die Kongreßpartei davon, an der verfassungsgebenden Versammlung teilzunehmen. "Der Vorschlag sollte eine Herausforderung für uns sein und kein Grund zur Ablehnung..."

 

Gandhi beschreib seine Idealvorstellung von einem unabhängigen Indien so: "In diesem gesellschaftlichen Gebilde, das sich aus zahllosen Dörfern zusammensetzt, wird es ständig sich ausweitende, aber niemals aufsteigende Lebenskreise geben. Das Leben wird nicht eine Pyramide sein, deren Spitze von untenher getragen wird, sondern es wird ein Kreis von ozeanischer Weite sein, dessen Zentrum das Individuum ist, das jederzeit bereit ist, sich für das Dorf zu opfern. Das Dorf wiederum ist willens, sich jederzeit für den Kreis von Dörfern aufzuopfern, bis zuletzt das Ganze ein Organismus wird, der aus Individuen besteht, die niemals aus Anmaßung aggressiv werden, sondern stets in Demut leben und teilhaben an der Majestät des ozeanweiten Kreises, von welchem sie integrale Bestandteile sind."

 

Die Moslem-Liga unter Mohammed Ali Jinnah bestimmte den 16. August zum "Tag der direkten Aktion", um gegen die Einrichtung der Übergangsregierung zu protestieren und der Forderung nach einem eigenen Staat Pakistan Nachdruck zu verleihen. Diese Aktion löste in Kalkutta eine wahre Orgie von Gewalt aus. Über 4.000 Menschen wurden niedergemetzelt, mehr als 15.000 verletzt.

 

Die Gewalt breitete sich schnell nach Noakhali und Tripura, in die ländlichen Gegenden Ostbengalens aus.

 

Die ersten Flüchtlingstrecks kamen in die Städte.

 

Der Haß zwischen den Religionsgemeinschaften sprang auf den benachbarten Staat Bihar und andere Teile des Landes über.

 

Gandhi machte sich zum Jahresende 1946 auf den Weg nach Noakhali.

 

Diese Reise wurde zu einem Test seiner Technik der Gewaltfreiheit.

 

Er betonte die Notwendigkeit vollständiger religiöser Toleranz: "In jeder Provinz ist jeder ein Inder, gleich ob er Hindu, Moslem oder Angehöriger einer anderen Glaubensrichtung ist." Er erwartete von der Mehrheit, sich als Beschützer der Minderheit zu betätigen.

 

Am Morgen des 7. Januar 1947 begann der barfüßige Pilger in Chandipur seinen historischen Marsch, der ihn jeden Tag in ein anderes Dorf führte.

 

Er schrieb aus Noakhali: "Meine derzeitige Mission ist die schwierigste und komplizierteste meines Lebens ... Die Devise 'Handeln oder Sterben' erfährt hier ihre höchste Probe. 'Handeln' heißt hier für mich, Hindus und Moslems zu versöhnen, andernfalls werde ich hier mein Leben beschließen."

 

Während seiner siebenwöchigen Pilgerschaft marschierte der 77jährige Gandhi ungefähr 116 Meilen durch sehr unwegsames Gelände und besuchte 74 Dörfer.

 

Am 2. März 1947 bestieg er in Chandipur einen Dampfer, der ihn zu einer weiteren Friedensmission nach Bihar brachte.

 

In Bihar war Khan Abdul Gaffar Khan sein ständiger Begleiter.

 

Unermüdlich war er unterwegs, tröstete und ermutigte die Verzweifelten und ermahnte jene, die den verheerenden Schaden angerichtet hatten.

 

Er bat sie, für ihre Sünden zu büßen: "Vergeltung ist ein Teufelskreis. Baut wieder auf, was ihr zerstört habt und lebt zusammen als Mitglieder einer Familie."

 

Gandhi erinnerte an die Worte Buddhas, der dort in Bihar 2.500 Jahre früher das ewige Gesetz verkündete, daß Gewalt niemals durch Gewalt besiegt werden kann, sondern daß Haß durch Liebe überwunden werden muß.

 

Um den Völkermord zu stoppen gaben Gandhi und Jinnah eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie "die jüngsten Akte der Gesetzeslosigkeit und Gewalt, die Schande über den Namen Indiens brachten," verurteilten und "für alle Zeiten den Einsatz von Gewalt für politische Zwecke verwerfen."

 

Während einer Gebetsversammlung betonte Gandhi die Gleichheit aller Religionen und bemerkte: "Ich glaube an die Botschaft der Wahrheit, wie sie von allen religiösen Lehrern der Welt verkündet wurde."

 

"Ich bete unaufhörlich darum, daß ich gegenüber meinen Verleumdern keinerlei Haßgefühl empfinden möge, ja daß ich selbst dann, wenn ich der Kugel eines Attentäters zum Opfer fallen sollte, meine Seele mit dem Namen Gottes auf den Lippen aushauchen möge."

 

Die anstehende Teilung Indiens bereitete Gandhi tiefe Sorgen. Er fühlte sich mit seinem Anliegen im Stich gelassen und sagte nachdenklich: "Laßt die Nachwelt wissen, daß sich Gandhi nicht an Indiens Vivisektion beteiligte." Während des letzten Stadiums der Verhandlungen spielte er nur noch eine Rolle am Rande.

 

Am 3. Juni 1947 sicherte sich Vizekönig Mountbatten die Zustimmung der Kongreßpartei und der Moslem-Liga zum Plan der britischen Regierung, am 15. August 1947 zwei Dominions in die Unabhängigkeit zu entlassen.

 

Es war nicht mehr viel Zeit. Während die Arbeit an der Teilung mit halsbrecherischer Geschwindigkeit voranging, versuchte Gandhi in Kalkutta, Haß mit Liebe zu überwinden.

 

Die Mitternachtsstunde des 14. August 1947 symbolisierte die Widergeburt einer Nation nach einem jahrhundertelangen Schlaf und einem langen Befreiungskampf. Gandhi nahm nicht an den Feierlichkeiten teil, sondern fastete und betete den ganzen Tag.

 

Mit dem Abzug der letzten Truppenkontingente gingen 190 Jahre britischer Herrschaft über Indien zu Ende.

 

Gandhi pries den britischen Rückzug als "die ehrenwerteste Tat der britischen Nation."

 

Die Zeit der Freude dauerte nicht lange. Große Regionen wurden von Unruhen heimgesucht. Minderheiten wurden tyrannisiert und verfolgt.

 

Die Teilung des Landes verursachte eine der größten Massenfluchten der Geschichte, die über 16 Millionen Menschen heimatlos machte und über zwei Millionen das Leben kostete.

 

ie zunehmenden Spannungen quälten Gandhi. Als er auf dem Weg von Kalkutta nach Delhi um eine Botschaft gebeten wurde, schrieb er in Bengali: "Mein Leben ist meine Botschaft."

 

Unter dem Einfluß der Ereignisse änderten sich die Werte sehr schnell. Für Gandhi hatte die politische Unabhängigkeit nur wenig Wert, wenn sie nicht das Zeitalter der einfachen Leute ankündigte. Er war ein kompromißloser Gegner des Wahns der Massenproduktion, die auf Kosten der menschlichen Werte ging.

 

Gandhi setzte dagegen: "Um eine Welt ohne Krieg zu haben, muß die Wirtschaft aller Nationen frei von jeglicher Ausbeutung sein."

 

Der Wertewandel manifestierte sich auch symbolisch in der neuen Nationalflagge Indiens. Das Spinnrad wurde ersetzt durch das Chakravarta, das heilige Rad des ewigen Gesetzes, das Symbol des Weltenherrschers.

 

Als Gandhis Worte nicht mehr ausreichten, um den Gewalttätigkeiten zwischen Hindus und Moslems Einhalt zu gebieten, entschloß er sich in Delhi - wie zuvor in Kalkutta - zu einem Fasten bis zum Tode.

 

Der Beginn des Fastens am 13. Januar 1948 versetzte ihn in einen Zustand der Ruhe und des Friedens. "Der Tod wäre eine gloreiche Erlösung für mich. Er wäre mir lieber, als hilfloser Zeuge der Zerstörung Indiens zu werden."

 

Gandhi beendete sein Fasten am 18. Januar, nachdem er sich vom ernsthaften Sinneswandel des Volkes und seiner Führer überzeugt hatte.

 

Während der Ansprache auf einer Gebetsversammlung explodierte eine Bombe, die ein Hindu-Flüchtling gelegt hatte.

 

Gandhi blieb ungerührt und forderte das Publikum auf, ihm weiter zuzuhören. Er verzichtete auf eine Leibwache und bat darum, den Attentäter nicht zu bestrafen.

 

Gandhi kritisierte nicht nur religiöse Fanatiker im Volk, sondern auch die Politiker der Kongreßpartei. Die Alleinherrschaft der Kongreßpartei in der Indischen Union bot dem gewaltfreien Anarchisten Gandhi nicht genügend Sicherheit vor Machtmißbrauch und Korruption.

 

In einem Entwurf zur Veränderung der Parteistatuten schlug er deshalb vor, die Partei aufzulösen und in eine Lok Sevak Sangh umzuwandeln. Ein solcher loser Zusammenschluß von Friedensarbeitern im Dienste des Volkes sollte sich aus der Partei- und Machtpolitik heraushalten und sich vor allem den sozialen, wirtschaftlichen und moralischen Aspekten der konstruktiven Arbeit auf den Dörfern widmen.

 

Am Freitag, den 30. Januar 1948, kurz vor Sonnenuntergang, ging Gandhi zum Gebet, um mit dem Gott vereint zu sein, der ihm ein Leben lang den Weg wies, bis dieser Weg jäh unterbrochen wurde...

 

Nathuram Godse, Mitglied der rechtsextremistischen Hindu Mahasabha, trat auf Gandhi zu. Mit seinen Todesschüssen wollte er einen Feind des Hinduismus und Freund der Moslems beseitigen.

 

Gandhis Geist war auf Gott konzentriert, seine Seele vereinigte sich mit ihm.

 

Wie er es sich immer gewünscht hatte, starb er mit dem Namen Gottes, Rama, auf den Lippen.

 

Männer und Frauen aller Religionen nahmen von der Erde, die für sie mit dem Blut eines Heiligen getränkt war.

 

Mit bewegter Stimme sagte Nehru (Original-Ton): "Das Licht ist aus unserem Leben verloschen und überall ist nun Dunkelheit... Unser geliebter Führer, Bapu, der Vater der Nation, ist von uns gegangen. Das Licht ist verloschen, sagte ich, aber ich habe mich geirrt. Denn das Licht war kein gewöhnliches Licht. Das Licht, das dieses Land während so vieler Jahre erleuchtete, wird dieses Land noch für viele weitere Jahre erleuchten."

 

Am 31. Januar wurde Gandhis Leiche auf einem Scheiterhaufen aus Sandelholz verbrannt.

 

Nach 13 Tagen der Trauer wurde die Urne mit den sterblichen Überresten Gandhis in einem Sonderzug zu seiner letzten Ruhestätte gebracht, zu den Wassern von Jamuna und Ganges, die Bettler und Könige, Sünder und Heilige gleich machen.

 

Langsam bewegte sich der Katafalk auf den Sangam zu, den heiligen Zusammenfluß von Ganges, Jamuna und Saraswati, drei Flüsse, deren Namen eng mit der indischen Kultur verwoben sind.

 

Gandhis Asche wurde den heiligen Wassern übergeben.

 

Erinnern wir uns an seine Worte: "Es gibt keinen 'Gandhianismus', und ich will keine Sekte hinterlassen. Ich erhebe keinen Anspruch darauf, irgendein neues Prinzip oder eine neue Lehre gefunden zu haben. Ich habe lediglich in meiner eigenen Art versucht, die ewigen Wahrheiten auf unser tägliches Leben und seine Schwierigkeiten anzuwenden... Die Meinungen, die ich mir gebildet habe, und die Folgerungen, zu denen ich gekommen bin, sind nicht endgültig. Vielleicht ändere ich sie morgen schon. Ich habe die Welt nichts Neues zu lehren. Wahrheit und Gewaltfreiheit sind so alt wie die Berge. Alles, was ich getan habe, ist, daß ich versuchte, in beiden Experimente auf einer möglichst breiten Basis durchzuführen. Dabei habe ich mich manchmal geirrt, und ich habe von meinen Fehlern gelernt."

 

 

"Vergeßt die Vorstellung, Anhänger zu sein. Niemand führt, und niemand folgt nach. Niemand ist Führer und niemand Anhänger. Wir gehen alle zusammen in einer Reihe. Ich habe das schon oft gesamt, aber ich sage es noch einmal, um euch daran zu erinnern."